Dienstag, 12. März 2019

Stille Nacht - Horror Nacht (1984) [Anolis]

Stille Nacht - Horror Nacht (1984) [Anolis]


Vor zehn Jahren musste der achtjährige Billy (Robert Brian Wilson) mit ansehen wie seine Eltern von einem Mann im Santa Kostüm brutal ermordet wurden. Nach einer schrecklichen Kindheit in einem von grausamen Nonnen geführten Waisenhaus findet er nun endlich seine Berufung als Lagerarbeiter in einem Spielzeugladen. Dort läuft auch zuerst alles gut für ihn, jedenfalls bis die Weihnachtssaison beginnt. Sein altes Trauma kehrt immer mehr zurück, bis er schließlich am Ende selbst den Weihnachtsmann im Laden spielen soll. Jetzt sind die Erinnerungen an den Tod seiner Eltern wieder vollends da und er selbst wird nun zum Killer im Weihnachtsmannmantel. Er wird alle bestrafen, die böse waren und hat sich schon seine Axt zurecht gelegt.

Silent Night, Deadly Night“ ist ein recht mittelmäßiger Weihnachtsslasher, der trotz seiner Durchschnittlichkeit durch irgendeinen Grund in der Lage war, sogar noch vier Fortsetzungen und ein Remake nach sich zu ziehen. Ausschlaggebend für den späteren Erfolg waren wohl vor allem die Kontroversen um den Film. Der Film überlebte damals nämlich nicht mal zwei Wochen in den Kinos. Besorgte Eltern warfen dem Film vor, Weihnachten zu töten und den Kindern Angst vor dem Weihnachtsmann zu machen. Während andere, zuvorgekommene Weihnachtsslasher wie „Jessy – Die Treppe in denTod“ (1974) oder „Teuflische Weihnachten“ (1980) unbeschadet entkommen konnten, arbeiteten christliche Instanzen und aufgebrachte Christ*innen sich an „Silent Night – Deadly Night“ ordentlich ab. Die vorherigen Filme wurden wohl vor allem von ihrer fehlenden PR gerettet. Die Produzierenden hinter „Stille Nacht - Horror Nacht“ hingegen rührten ordentlich die Werbetrommel, inklusive eines etwas unglücklich im frühen Abendprogramm untergebrachten TV-Spots. So wurden die meisten Protestierenden erst auf den Film aufmerksam. Selbst die Starfilmkritiker Siskel und Ebert waren sich nicht zu blöd, den Film in ihrer Show zu dämonisieren, eigentlich aber kein Wunder, so hatten die Beiden nie eine wirklich faire Meinung zu Slashern. Was für den Film damals eine finanzielle Katastrophe darstellte, war wiederum seine Rettung als es um die Heimkinoauswertung des Streifens ging. Bis heute lebt er von seinem Kultstatus und des leicht verruchten Rufs wegen seiner Kinoverbannung. Und so konnte sich bis in die Gegenwart ein nicht wirklich gutes, meist eher sehr schlechtes, aber ausreichend erfolgreiches Franchise daraus entwickeln.

Aber zurück zum ersten Teil: Die Story klingt erst mal natürlich so typisch wie es ein Slasher nur sein kann. Traumatisierter Mensch erlebt erneut sein Trauma und rekreiert dieses dann wieder bis er aufgehalten wird. Dabei trifft es vornehmlich Teenager, die eigentlich nur in Ruhe vorehelichen Sex praktizieren wollen. Soweit nichts neues. Autor Michael Hickey schrieb auf der Grundlage von Paul Caimis Storyentwurf einen Slasher, der sich Weihnachten vornahm, viele andere Feiertage waren nach „Freitag der 13.“ (1980), „Halloween - Die Nacht des Grauens“ (1978), „Graduation Day - 7 Tage zur Ewigkeit“ (1981), „Blutiger Valentinstag“ (1981) und so weiter ja auch nicht mehr frei. Der eigentliche Slasherteil, also die zweite Hälfte des Films, ist dann auch wirklich nicht sonderlich spannend. Ganz im Gegensatz zur Origin Story des Killers. Die ersten 45 Minuten des Films spielen in drei verschiedenen Zeitebenen. Angefangen mit Billy als Kleinkind als seine Eltern getötet werden, ein paar Jahre später im Waisenhaus, wo er sehr unter der unbarmherzigen Schwester Oberin (Lilyan Chauvin) leidet und weiter als junger Mann, der seine Arbeit im Spielzeugladen aufnimmt und schließlich im Weihnachtsmannkostüm durchdreht.

Vielleicht ist auch die erste Hälfte nicht unbedingt die beste Darstellung, des schweren Lebens eines traumatisierten Kindes, dennoch hebt sich zumindest der Teil des Films angenehm von Genreklischees und billigen Schaueffekten ab. Die zweite Hälfte hingegen ist ein sehr gradliniger Slasher, der aber augenscheinlich Freude an sich selbst hat. Der Film ist simpel gemacht, hat aber ein paar effektvolle Kills. Das Ableben von Slasher Star Linnea Quigley (Night of the Demons, 1988) sorgt für besonderes Aufsehen und kann als einer der ikonischen Slasher Tode der Achtziger angesehen werden. Genrefans werden sich natürlich über den kurzen Auftritt von Quigley freuen. Darstellerisch kann aber noch vor allen anderen Lilyan Chauvin (Earth 2, 1995) überzeugen, die eigentlich etwas zu gut und authentisch für einen B-Movie dieser Machart spielt. Mein persönliches Highlight ist Britt Leach (Geschichten aus der Gruft, 1989), der hier als etwas merkwürdiger Spielzeugladenbesitzer auftritt. Leach spielte speziell in den 70er und 80er Jahren eine Vielzahl kleiner Nebenrollen in Kino und TV. Auch wenn er nie wirklich der Star sein durfte, konnte er immer in Erinnerung bleiben. Letztlich kann sogar Hauptdarsteller Robert Brian Wilson eine gute Figur abgeben, obwohl es sich hier nur um seinen ersten von wenigen Filmauftritten handelte.

Wie gesagt, zieht sich die Zeit zwischen den letzten spannenden Momenten. Auch hier gibt es ein paar nette Ideen, Spannung kommt dabei jedoch keine auf, schon gar nicht in dem völlig verhunzten Ende, das nicht nur langweilt sondern auch keinerlei finalen Konflikt oder ähnliches bietet. Schade drum. In erster Linie liegt das wohl auch an Regisseur Charles E. Sellier Jr., der vor allem durch die Produktionen einiger verschwörungsideologischer Dokumentationen fürs Fernsehen (Aliens, Freimaurer, wo ist die Arche Noah? etc.) und speziell als Erschaffer der Grizzly Adams Serie „Der Mann in den Bergen“ (1977-1978) bekannt geworden ist. Weder hat er Ahnung von Horror, noch hat es ihn sonderlich interessiert. Angeblich hatte er damals sogar die Regie während der Effektszenen abgegeben weil er sich dabei unwohl fühlte. Kein Wunder also, dass er nicht wusste, wie er Suspense aufbauen könnte. Eine kleinen Pluspunkt bekommt der Film jedoch noch für den etwas ungewöhnlichen und leicht von Carpenter beeinflussten Soundtrack, der ein paar interessante atonale Klänge durch die verschneite Szenerie wabern lässt.

Sicherlich kein Genrehighlight, nicht mal einer der besseren Weihnachtsslasher seiner Zeit. Trotzdem kann „Stille Nacht - Horror Nacht“ zumindest durch seinen ungewöhnlichen Aufbau, der uns die Psyche des Slashers näher als andere Titel bringt, und, der Zeit mit dem Täter und nicht mit seinen Opfern verbringt, etwas spannendes hinzufügen. Der Kultstatus, der auf den heute sehr zahm anmutenden Gewaltdarstellung beruht, jedoch kann bis auf den einen wirklich besonderen Kill so nicht mehr aufrecht erhalten werden.

Als zweiter Teil der Anolis „Die 80er“ Reihe erscheint „Stille Nacht – Horror Nacht“ in einem hübsch gestalteten Mediabook. Der Film wurde für diese Veröffentlichung neu in 4K abgetastet, wodurch man aus dem Film optisch noch einiges mehr rausholen konnte als ich vermutet hätte. Einige kleine Kratzer und Verunreinigungen sind trotzdem zu sehen. Die 4K Abtastung war jedoch nur für die R Rated Version möglich, die zirka zwei Minuten der Unrated Fassung sind nämlich leider nicht in der Sony Archiv Version enthalten. Daher mussten diese Szenen einer deutlich schlechteren Quelle entnommen werden. Die Blu-ray enthält als Bonus zwei Audiokommentare. Einer mit Brian Wilson und Scott J. Schneid und einer mit Michel Hickey, Perry Botkin, Michael Spence und Scott J. Schneid. Weitere Extras sind der Film in der kürzeren R Rated Kinofassung, die 45-minütige Dokumentation „Slay Bells Ring: The Story of „Silent Night – Deadly Night““, ein Interview mit Linnea Quigley und es gibt auch ein Video, das die damaligen Drehorte heute zeigt. Weitere Extras beinhalten den US Kinotrailer, TV Spots, einen Radio Spot und eine Bildergalerie.

6 von 10 unartige Hirsche