Donnerstag, 16. April 2015

Erotica Universalis (TASCHEN)

Erotica Universalis (TASCHEN)

Erotische, antstössige und pornographische Kunst gibt es nicht seit Gestern und auch nicht erst seit Vorgestern. Aufreizende Steinzeichnungen im heutigen Libyen können sogar bis zu 5.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung rückdatiert werden. Auch die alten Ägypter verewigten ihre künstlerischen Auswüchse ihrer Libido in den Verzierungen der Pyramiden. Später veredelten die Griechen ihre Amphoren mit Bildnissen wilder Geilheit und auch wenn erotische Kunst bis Heute viele Epochen und verschiedenste Stile durchlief, mal verträumt war, mal ein Mittel der Provokation und ein Zeichen als Protest gegen die Elite, die Frömmigkeit heiliger Männer und Frauen in Frage stellte oder einfach nur seine Konsumentinnen geil machen sollte, eines ist klar: Ohne Pimmel und Möse geht es nicht. Nicht im Leben und nicht in der Kunst und so präsentiert TASCHEN hier einen Bildband der uns auf knapp 600 Seiten durch die erotische Kunst von 5.000 Jahren vor unserer Zeitrechung bis hin zu den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts führt.

Eingeteilt hat Gilles Néret den Hardcover Bildband in sechs Epochen. “Erotica Antiqua” behandelt Steinzeichnungen, Bildnisse auf Vasen und Amphoren und dergleichen.

Von der Renaissance im 15. und 16. Jahrhundert handelt dann der zweite Teil “Erotica Classica”. Micheangelo war zu der Zeit ein dreister Typ und pinselte seine gleichgeschlechtliche Sexualität an die Decke der Sixtinischen Kapelle und verarbeitet gesellschaftliche Dogmen auch in andren erotischen Malereien. Albrecht Dürer arbeitet in seinen Bildern das Böse im Weibe heraus und zeigt sie nicht nur nackig, sondern gleichzeitig als Hexen und die gute Eva als Apfelpflückerin. Das 18. Jahrhundert endete dann mit zwei Personen, die die Kunst des Liebesspiels bis heute maßgeblich beeinflusst haben. Einmal hat der Marquis de Sade mit seinen Romanen die sadistische Spielart hinzugefügt, welche Künstler natürlich auch in bildlicher Form frönen wollten und zudem erschienen posthum die Memoiren Giacomo Girolamo Casanova, die von Jules Adolphe Chauvet in insgesamt 102 Radierungen auch visuell beeindruckend gestalt annehmen durften.

De Sade brach das Korsett der akzeptierten Sexualformen auf, Casanova hatte auch ein bewegtes Leben hinter sich und beide wahren Vorboten von dem, was bald darauf folgen sollte. Das Ende des 18. Jahrhundert läutet die “Erotica Revolutionnaria” ein. Die französische Revolution lies Revoluzzer auf der Straße mit den Eliten abrechnen und auch viele, meist unbekannte Künstler machten sich in zotigen Zeichnungen satirisch lustig über Napoleon, König, Königin, Nationalgarde, Veteranen und allem anderen, wogegen man damals so rebellierte.

Das 19. Jahrhundert wird hier als “Erotica Romantica” betitelt. Eine Epoche in der erotische Kunst ihren Biss verlor. Goya markiert die Rückbesinnung zu heidnischen Bildnissen wieder weg von Revolution und vor allem weg vom Theologischen. Sozialkritik wird wieder kleiner geschrieben und die Obrigkeit wird nur noch subtil, wenn überhaupt angegriffen. Im Mittelpunkt steht allerdings die Geilheit und die Befriedigung der Lust. So lässt Peter Fondi (angeblich, viele von Fondis erotischen Zeichnungen sollen ihm wohl fälschlicherweise zugewiesen worden sein) seine Paare lustig tänzelnd ficken. Eine harmonische Bumszeit.

Erotica Artis Novae” erzählt von der Zuspitzung der Romantik bis hin zur bloßen Dekadenz die Typisch war für die Bourgeoisie, die durch die Errungenschaften der industriellen Revolution an Reichtum gekommen war. Doch während der Geldadel sich nach außen fein gab, waren nicht nur die Arbeitsbedingungen in den Fabriken unter aller Sau. Während viele Künstler auch in der Erotik der selben Gefälligkeit und Oberflächlichkeit anheimfielen, schafften es andere Maler der trägen wohlhabenden Klasse einen dreckigen Spiegel vorzuhalten und sich über ihre Art zu belustigen.

Angekommen in der “Erotica Moderna” zeichnet Picasso ebenso wie Rembrandt Jahrhunderte zuvor eine Dame beim Pissen. Viel hat sich also nicht immer verändert. Das 19. und 20. Jahrhundert haben es dennoch in sich gehabt. So sind Dalis geniale Bildkompositionen bis Heute mit die intelligentesten Arbeiten seiner Art. Gustave Courberts Nahaufnahme eines weiblichen Schoßes ist zu einem der bekanntesten Erotikmalereien geworden. Geschlechterrollen wurden in en 1930ern besonders von Bernard Montorgueil in Frage gestellt und zeitgenössische Meister wie Schwulencomicikone Touko Laaksonen, besser bekannt als Tom of Finland oder Female Domination Artist Eric Stanton tragen seine Fackel weiter. Und ganz am Ende will man mich scheinbar glücklich machen und hat noch ein paar Zeichnungen des großartigen Robert Crumb (Nausea) hinzugefügt.

Dieser kleine, dafür aber umso prallere und säuische Bildband aus dem Hause TASCHEN, bietet jeder und jedem Interessierten einen ziemlich guten Überblick über die Geschichte der erotischen Kunst. Zu jeder dieser Epochen gibt es eine sehr knappe Einführung und zu jedem Bild den Naman des Künstlers, des Gemäldes und das Jahr der Entstehung. In allem also ein sehr gutes Buch, mir persönlich wäre es jedoch sehr lieb gewesen zu einigen ausgewählten Bildern noch weitergehende Informationen zu bekommen um ihren Stellenwert und ihre Bedeutung besser einordnen zu können. Ansonsten eine sehr feine Angelegenheit.

7,2 von 10 Schubkarrenpimmel

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen