Sonntag, 23. März 2014

Baby's in Black (Reprodukt)

Baby's in Black (Reprodukt)

Hamburg im Oktober 1960: Nach einem Streit mit seiner (Ex-)Freundin Astrid irrt der junge Klaus Voorman durch St. Pauli. Ganz unvermittelt landet er im Kaiserkeller. In diesem verrauchten Club erlebt Klaus zum ersten Mal eine Rockband aus England. Ganz aufgeregt überredet er  Astrid noch in derselben  Nacht, ihn beim nächsten Mal zu begleiten. Nach einigen gemeinsamen Besuchen des Clubs freunden die beiden sich schließlich mit den jungen Liverpoolern, die sich selbst „The Beatles“ nennen, an. Gerade der mysteriöse Bassist Stuart scheint es Astrid ganz besonders angetan zu haben. Da es Stuart ähnlich geht, werden beide kurze Zeit später ein Paar und verloben sich. Stuart beschließt in Hamburg zu bleiben, die Band zu verlassen und sein Kunststudium wieder aufzunehmen.

Wer sich ein wenig mit den Beatles und deren Geschichte auskennt, kennt auch die Geschichte von Stuart Sutcliffe und Astrid Kirchherr. Er der Kunststudent und enger Freund von John Lennon, welcher ihn auch überredet hatte bei den Beatles einzusteigen, Sie die junge Fotografin, die nicht nur einige der bekanntesten Fotos aus der Frühphase der Beatles geschossen und ihnen die bekannte Pilzkopf-Frisur verpasst hat, sondern ebenfalls eine enge Freundin der Band wurde. Und wer eben diese Geschichte kennt, kennt auch ihr tragisches Ende.


Das ist natürlich immer ein kleines Problem in der künstlerischen Aufarbeitung wahrer Begebenheiten. Das Ende ist meist bekannt. Ein guter Künstler ist aber in der Lage auch bekannten Begebenheiten neue Facetten zu verleihen.
Arne Bellstorf ist ein solcher Künstler.
„Baby’s in Black“ entstand auf Grundlage zahlreicher, persönlicher Gespräche Bellstorfs mit Kirchherr und gibt dem Leser einen detaillierten Einblick in die Liebe dieser beiden Menschen.


So traurig die Geschichte auch ist, gibt es auch immer wieder die schönen Momente in Kirchherrs und Sutcliffes Leben, ebenso wie im Aufstieg der Band zu begutachten. Das einzige Problem, dass es in Bezug auf das Storytelling gibt, ist das vollständige Fehlen eines Konflikts. Weder hadert Stuart mit seinem Leben als Bassist und kann ganz klar seinen Wunsch  sich wieder auf die Kunst zu konzentrieren, formulieren und ihn auch ausführen, zählt auch zu den Besten Studenten seines Kurses, erhält ein Stipendium, Lennon ist sehr verständnisvoll und hindert den Freund nicht an der Ausführung seines Lebensplanes und auch das Verhältnis zu Astrids Mutter, unter deren Dach das Paar lebt, ist nahezu perfekt.
Wenig Potenzial also, um Spannung zu erzeugen. Das muss aber auch gar nicht sein. Das ist schließlich das Leben und keine Fiktion. Und gerade durch diese harmonischen Umstände, zieht das Ende dem Leser umso heftiger den Boden unter den Füßen weg.
Bellstorfs Umsetzung gerade dieser Sequenz ist mehr als gelungen und wirkt durch das Fehlen jeglichen Textes nur umso bedrückender. Ebenso wie die letzten Seiten, die das Ende offen lassen.

Auffällig ist auch die Episodenhafte, fast Ausschnittartige Aufteilung des Bandes. Der Leser wird in einen Zeitabschnitt geworfen, dann mit dem Geschehen konfrontiert und am Ende ohne das Kapitel wirklich ausklingen zu lassen wieder herausgeholt, um ein paar Monate später wieder hineingeworfen werden. Manchen Leser mag das vielleicht etwas anstrengen, ich hingegen konnte mich schnell damit arrangieren, erzeugt diese Methode doch eine geradezu traumhafte Atmosphäre, inmitten der kalten Realität.


Ebenfalls anzumerken wäre noch, dass die Dialoge zwischen den deutschen Protagonisten und den Bandmitgliedern oder der Bandmitglieder untereinander in Englisch verfasst sind. Was natürlich in Bezug auf die Sprachbarriere sehr Sinnvoll ist. Auch hier kann ich für mich kein Problem feststellen. Auch Leute deren Englischkenntnisse nicht die besten sind, sollten wenig Schwierigkeiten haben und für den Notfall befindet sich im Anhang eine deutsche Übersetzung zu diesen Dialogen.


Bellstorf benutzt einen sehr klaren Stil und lässt seine Figuren, ebenso wie das Hamburg der 1960er Jahre mit wenigen Strichen lebendig werden.
Die Charakteristika der einzelnen Personen sind sehr schön herausgearbeitet, und es gibt trotz des simplen Stils, der mich auch ein wenig an eine düstere Version von „Scott Pilgrim“ erinnert (zumindest in Bezug auf das Charakterdesign), niemals Zweifel, um wenn es sich bei den gezeigten Personen gerade handelt.


Baby’s in Black konnte mich in Sachen Stil, Artwork und Erzählung voll und ganz fesseln. Ich gebe aber zu bedenken, dass ich durchaus Beatles-Fan bin und daher natürlich etwas voreingenommen sein kann. Aber ich denke, dass auch Leute, die mit den Fab Four und deren Geschichte nicht so vertraut sind, durchaus Gefallen daran finden dürften, schließlich handelt es sich um eine allzu menschliche, wahre Geschichte, deren Verlauf und deren Ende niemanden kalt lassen dürfte.

8,7 von 10 Existentialisten

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