Freitag, 27. Juli 2012

Tausendschönchen (1966) [Bildstörung]

Tausendschönchen (1966) [Bildstörung]

Die beiden jugendlichen Frauen Marie (Jitka Cerhová) und Marie (Ivana Karbanová) stellen eines Tages fest das die Welt völlig verdorben ist. Und wenn es so ist, können sie auch ruhig verdorben sein. Also lassen sie sich von alten Herren aushalten, verhalten sich in allen belangen maßlos und sind stets laut und aufdringlich. Doch irgendwann muss sich solch ein Lebensstil rächen.

Bisher kannte ich Tausendschönchen, den wohl bekanntesten Film der tschechischen New Wave, nur durch ein paar Bilder. Sah schon interessant aus, hätte aber auch nur Kunstkacke sein können. Nun haben die Geschmackssicheren Leute von Bildstörung den Film von Vera Chytilová als ihren 17. Drop Out ausgewählt. Und jetzt habe ich ihn auch gesehen.

Optisch ist der Film für sein alter unglaublich. Fast jede Einstellung weist Farbfilter oder irgendeinen anderen optischen Effekt auf. Zeitraffer, Jump Cuts, Micky-Mousing eigentlich gibt es nichts was hier nicht benutzt wird oder sogar von Vera Chytilová selbst erfunden wurde. Am beeindruckensten fand ich dabei eine Szene, in der die beiden Maries mit Scheren herumspielen. Dabei zerscheiden sie erst ihre Klamotten, dann ihre Körper (was allerdings nur Auswirkungen hat wie in einem Cartoon) und schließlich drehen sie mal wieder völlig frei und zerschneiden auch noch den Film selbst, bis nur noch hunderte kleine Schnipsel übrig bleiben. Sieht fantastisch aus und ich bin mir sicher das so gut wie kein aktueller Regisseur auch nur ansatzweise einen optisch so interessanten Film kreieren könnte, nicht mal wenn man es darauf anlegt und die heutige Technik dazu benutzt.

Die optische Verspieltheit, spiegelt sich auch in der Musik und den Geräuschen wieder. Beides spiegelt sowohl die verspielte unbekümmerte Art der Mädchen, genauso wie ihre stoische nervige Art. So gibt es neben Soundcollagen auch mal fünf Minuten lang Telefonklingeln zu hören. Obwohl es im Film eigentlich nicht unbedingt wenige Darsteller zusehen gibt, spielen eigentlich nur die beiden Mädchen eine wirkliche Rolle. Drittwichtgste Person ist somit eigentlich schon die Klofrau, auch wieder sehr interessant, dass die Damentoilette einer der zentralen Handlungsorte ist. Ansonsten sind eigentlich nur noch die Liebhaber der beiden von Bedeutung, es bleiben aber alle außer den Maries sehr blass und das ob wahrsten Sinne. Liegt aber nicht an den Schauspielerischen Leistungen, sondern ist von der Regisseurin so gewollt. Wobei eigentlich haben die Maries abseits ihrer Maßlosigkeit und ihrer durchgehend anstrengenden Art, die sehr an eine hedonistische und nihilistische Version von Pippi Langstrumpf erinnert, auch nicht viel zu bieten. Zwar sind sie durchaus sympathisch, weil sie sich mutig gegen ein System auflehnen, vermutlich ohne es zu wissen, allerdings könnte wohl kein Mensch sie in der Realität auch nu kurz ertragen und außer ihrem aufgedreht fröhlichen Nihilismus (gibt es so was? Wenn nicht dann habe ich das jetzt erfunden. So!) haben die beiden nichts zu bieten. Somit sind sie wohl die komplexesten platten Charaktere die ich hier jemals rezensiert habe.

Kurz nach der Veröffentlichung wurde Tausendschönchen verboten. Vermutlich vor allem deshalb, weil man einfach nicht verstanden hat was der Film sollte. Genauso kann ich mir auch wirklich vorstellen, dass er damals noch sehr versöhnend wirkte, da der Film eigentlich keine der bestehenden Filmregeln befolgt und alles anders macht. Dabei hatte Vera Chytilová alles versucht um möglichst vage zu bleiben. Zwar ist der Film voll mit Kritik an der Gesellschaft und besonders am System und gleichzeitig ein Aufschrei des frühen Feminismus und ein Angriff auf die Maßlosigkeit, aber zu keiner Sekunde ist die Aussage klar oder eindeutig, wodurch der Film eigentlich mit etwas Glück trotzdem der Zensur zu entkommen. Trotz allem ist Tausendschönchen nie verklopft oder kompliziert und unterhält immer auf eine sehr leichtfüßige Weise. Nie wirkt die Machart elitär oder künstlerisch hochnäsig und Niemand wird ausgeschlossen, solange er oder sie nur offen an das Werk herangeht. Ein toller Film und trotz seiner Tiefe lockere Unterhaltung.

Bei der Gestaltung der DVD hat man sich bei Bildstörung wieder mal richtig Mühe gegeben und gute Arbeit geleistet. Die Amaray Hülle kommt wieder in einem sehr hübsch gestalteten Pappschuber, der wiederum einen Umschlag hat, der sich abnehmen lässt um das FSK Logo abzubekommen. In der DVD Hülle befindet sich noch ein 24-seitiges Booklet mit vielen spannenden Informationen und auch auf der DVD selbst gibt es noch ein paar Extras. Da wäre ein englischer Audiokommentar von Peter Hames und Daniel Bird. Außerdem werdet ihr noch mit der Tausendschönchen Dokumentation „Ungezogene Junge Leute“ belohnt, die nicht nur Tausendschönchen, sondern auch noch ein paar andere Filme der New Wave aufgreift. Zudem sind noch ein paar Bildstörung Trailer enthalten, unter anderem auch der zu Gandu. Das Bild der DVD ist ausgezeichnet, abgesehen von Fusseln an den Bildrändern, aber es gibt schlimmeres. Die deutsche Synchro ist ebenfalls gelungen, aber auch die tschechische Tonspur ist vorhanden und untertitelt. Auch bei dem Bonusmaterial hat man an deutsche Untertitel gedacht. Noch zu erwähnen ist, dass es noch eine Limitierte Auflage gibt (jeweils 300 DVDs und 300 Blu-rays), denen noch der Soundtrack beiliegt.

Da gibt es absolut nichts zu meckern, wer auch nur annähernd Interesse an verschollenen Ostblockfilmen, Experimentalfilmen oder politischen Streifen hat, kommt an dieser Veröffentlichung nicht vorbei. In einer besseren Aufmachung werdet ihr ihn eh nicht finden.

9,4 von 10 zerschnittene Phallusobjekte

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