Sonntag, 16. Juni 2013

Pinocchio (Avant Verlag)

Pinocchio (Avant Verlag)

Der Diplom-Erfinder Geppetto hat eine ganz besondere Maschine erbaut. Dabei handelt es sich um Pinocchio. Ein Roboter in der Gestalt eines kleinen Jungens, der nicht nur im Haushalt helfen kann, sondern zugleich auch noch eine kalte Killermaschine ist. Während sein Erfinder das Patent an die Armee verkaufen will, lässt er seine Schöpfung alleine zurück. Keine gute Idee. Seine Ehefrau nimmt derweil nämlich alle seine Funktionen in Anspruch. Während Geppetto der Armee von den Vorzügen des Nasenflammenwerfers erzählt, hockt seine Frau gerade eben auf diesem und lässt sich nasale Lust bereiten, nur um im Anschluss daran in Flammen aufzugehen. Verwirrt, durch das was geschehen ist, macht Pinocchio sich auf eine große Reise und mit ihm Jiminy Wanze, der gerade in den Kopf des Killerbots gezogen ist. Er muss einen schrecklichen Job in einer Spielzeugfabrik annehmen und auch in auf der Zauberinsel trifft er nur auf faschistische Machthaber. Derweil stolperte der frisch verwitwete von eine, schrecklichen Erlebnis zum ungaren und endet schließlich im Magen des monströsen Monsterwals Monstro. Aber nicht nur Erfinder und Kreatur haben es schwer, sondern auch Jiminy, der verzweifelt versucht sich als Autor zu überweisen. Auch der Straßenjunge Wonder wartet auf ein Wunder. Ihm hat ein Gangster nämlich das Augenlicht gestohlen, doch bald findet er Gott und durch ihn ein neues Auge. Zum dank dafür zieht er für Gott in den heiligen Krieg.

Es klingt total wirr und ist in Wirklichkeit sogar noch viel merkwürdiger als es jetzt klingen mag. Weitere Handlungsfäden liegen in den Händen von einem Ehepaar das auf dem Land lebt und kein Kind haben können und auch sieben Perverse, die Frauen entführen und sie als Schneewittchen verkleidet vergewaltigen spielen eine wichtige Rolle. Zuletzt ist da noch ein Polizeikommissar mit einem Moai Kopf, der im Suff seine Katze erschossen hat und nun immer im betrunkenen Zustand mit ihrem Geist spricht. Am besten ist allerdings, dass alles irgendwie zusammenhängt und sogar noch Sinn macht. Vielleicht zumindest.

Zum Glück muss nicht wirklich erklären was uns Winshluss mit seinem Werk vermitteln möchte. Es ist nämlich doch höchst komplex und verworren. Die meiste Zeit geht es jedenfalls um sehr zentrale Dinge wie Leben, Tod, Liebe, Suizid, Religion, Krieg und vor allem wie beschissen alles ist. Vor allem ist dieser Comic eine Melange aus allem was an unserer heutigen modernen Welt kacke ist. Obwohl wir es hier mit einer Graphic Novel zu tun haben, bekommen wir ein mutiges und wütendes Werk, dass man in der Form eigentlich nur in kleinen Fanzines erwarten würde. Vincent Paronnaud, wie der Autor und Zeichner im bürgerlichen Leben genannt wird hat unter anderem aber auch als Co-Regisseur an der Verfilmung von Persepolis gearbeitet, selbst mag er es aber scheinbar sperriger, verschlüßelter, verstörend und dreckig. Dabei bedient er sich nicht nur bei dem Kinderbuch von Carlo Collodi, man findet ebenso Anspielungen auf Metropolis von Fritz Lang, Superman, Baron Münchhausen und vieles mehr.

Dabei scheint er oft große Freude daran zu haben den beliebten Kitsch der Popkultur zu pervertieren. Fängt damit an Pinocchio beim tödlichen Nasensex zu zeigen und geht über Faschisten auf der Zauberinsel, deren Hakenkreuz gekreuzte Zuckerstangen sind, bis hin dazu lieb gewonnene Disney Optik im Dreck zu ertränken. Aber egal wie, optisch ist Pinocchio immer ein Spiel mit Horror und Kitsch; warmen freundlichen Farben und matschigem braun, grau; schmeichelnden Rundungen und spitzen Kanten; Bambi, Klopfer und Nazis, Atommüll und einem Pinguin der sich für Gott in die Luft sprengt.

Am besten ist aber wie Winshluss es schafft die Haupthandlung ganz ohne Worte zu erzählen. Nur in der Nebenhandlung labert Jiminy euch ein Kotelett an die Backe. Dabei scheint die Wanze immer wieder der Autor des Comics zu sein, der mit sich selbst hadert, den Sinn verliert und nicht mehr weiß wie er weitermachen soll. Neben einer Kritik an den Schlechtigkeiten unserer Welt könnte man die Kapitel der Wanze auch als Depressionsbewältigung des Machers ansehen. Vielleicht ist aber auch alles ganz anders gemeint, aber allein dass der Inhalt so viel Tiefe bietet, dass man dermaßen viel in jede einzelne Szene hineininterpretieren kann zeigt wie stark diese Geschichte geraten ist.

Knapp 200 Seiten im wunderschön gestalteten Hardcover. Jede Seite etwas ganz besonderes und inhaltlich ein fieses Stück Kunst, das man immer wieder und wieder konsumieren kann und jedes mal aufs neue Details entdeckt und zum denken angeregt wird. Absolute Empfehlung für alle die harten und abstrusen Stoff lieben.

1900 von 2000 Volt in die Fresse du Arsch

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