Mittwoch, 3. Juli 2013

Filmklassiker der 90er (TASCHEN)

Filmklassiker der 90er (TASCHEN)

Filmklassiker der 90er, das sind zwei Hardcover Bände im stabilen Schuber. Darin zu finden sind 776 Seiten die voll und ganz den Filmen zwischen 1991 und 2000 gewidmet sind. Auf diesen Seiten werden die 144, für die Fünfzehn Rezensenten und Rezensentinnen, wichtigsten Filme der Dekade vorgestellt. Bevor ich jetzt aber meine Meinung zu dieser Textsammlung kund tue, ist es natürlich erstmal wichtig einen Überblick über meine eigene Meinung zum Medium Film innerhalb der Neunziger zu bekommen. Da ich selbst ja ein noch recht junger Hüpfer bin, Baujahr 1988, habe ich Filme in den Neunzigern noch nicht allzu bewusst registriert. So habe ich die meisten wichtigen Filme erst Anfang der 2000er Jahre nachgeholt, als ich dann anfing alles an Filmen zu konsumieren was ich irgendwie bekommen konnte. Zwei Filme waren dabei vor allem prägend für mein Leben. Zum einem war es, wie wohl bei vielen Jugendlichen die durch Grungemusik sozialisiert wurden “Fight Club” der es als einer von wenigen Filmen schaffte von der gesamten Gegenkultur äußerst wohlwollend aufgenommen zu werden. Während Tyler Durden es ein wenig schaffen konnte die unerklärliche Leere einer ganzen Generation zum Ausdruck zu bringen und mir Brad Pitt als Schauspieler schmackhaft zu machen, war es Oliver Stone, der mir zeigte wie anarchistisch ein Film sein kann.

Als ich zum ersten mal “Natural Born Killers” gesehen habe, eine Regiearbeit von Oliver Stone, der Quentin Tarantinos zweites Drehbuch seiner Karriere zu Grunde lag, saß ich sprachlos vor dem Fernseher. Die Story ist einfach, aber dennoch eine bitterböse Mediensatire und gleichzeitig eine merkwürdig schöne Liebesgeschichte. Für mich jedenfalls. Inhaltlich wird’s so einige Male verdammt hart und eine so zügellose, aber trotzdem nicht selbstgerechte Darstellung von Gewalt habe ich vorher noch nie gesehen. Davon abgesehen war der Film auch optisch etwas ganz besonderes. Ansonsten verbinde ich die Neunziger für mich persönlich mit vielen schlechten Komödien, die in meiner Familie sehr angesagt waren und natürlich mit unzähligen Direct to Video Horrorfilmen. Insgesamt ganz sicher nicht mein Lieblingsjahrzehnt. Bin da dann doch mehr der Fan von den frühen trashigen Science-Fiction Perlen der Fünfziger und vor allem dem Grindhouse Kino der Siebziger.

Nachdem dies gesagt wäre, muss ich erwähnen, ich habe fast alle der hier erwähnten 144 Streifen gesehen und die, die ich noch nicht auf dem Fernseher flimmern lies sind mir trotzdem gut bekannt. Dieser Fakt spricht also schon mal für die Auswahl der Filmtitel dieser beiden Bände. Man schafft es mit dieser Sammlung also sehr gut die größten und einflussreichsten Filme des Jahrzehnts zu versammeln. Namen wie Brad Pitt, Johnny Depp, Tim Burton, Oliver Stone, David Lynch, Martin Scorsese, Tom Cruise und Coen kommen daher ziemlich oft vor. Aber auch ein paar europäische Filme und vereinzelt asiatisches Kino hat es in die Liste geschafft. Wie unwichtig das Jahrzehnt dann aber doch für meine Sehgewohnheiten ist, sieht man am besten wenn man sich die Filmreviews des Blogs anschaut. Bei circa 2.500 Filmreviews haben sich bisher nur drei der enthaltenen Filme auf den Blog geschafft. Dabei handelt es sich um “Der Rasenmäher-Mann”, “The Big Lebowski” und “Star Wars Ep. I”. Liegt wohl vor allem daran, dass ich diese großen Produktionen meist nur mäßig interessant finde. Dazu muss ich dann auch sagen, ich finde die Zusammenstellung der Filmtitel ein wenig zu generisch gehalten. Klar das man bei so einem Projekt Titel wie “Titanic” oder “Matrix” erwähnt, aber bei fünfzehn beteiligten Schreibern hätte ich schon damit gerechnet, dass jeder vielleicht doch ein-zwei eher obskure Titel ausgräbt, die für ihn oder sie persönlich etwas ganz besonderes darstellt, gerade um diese Filme einem größeren Publikum bekannt zu machen. Aber nun gut, man wollte wohl eher die gängigsten Mainstream Titel und dazu noch ein paar bekannte Arthouse Geschichten unter einen Hut bringen.

Dann kommen wir mal zum Aufbau der Bände. Der erste Band beginnt mit einer Einleitung, die spezifische Eigenheiten des Jahrzehnts näherbringt. Dabei fand ich schön, dass auch die referenzierende Erzählkunst erwähnt wird. Für mich eine der typischsten Erzählformen der Neunziger. Dabei hangelt sich ein Film eher von Anspielung und Versatzstück zu Referenz und Hommage. Auch vorher kannte man dies vor allem durch Indiana Jones und Star Wars. Zu einer gehupten Stilart wurde dies aber wohl erst durch Tarantino der in seinen Filmen bis heute eigentlich nur Sachen aus Filmen die er mag aneinander reiht und dafür von allen gefeiert wird. Ich selbst mag so was selbst ja auch sehr gerne, da ich gerne versuche all diese Anspielungen mitzubekommen, aber so richtig verstehe ich bis heute nicht warum es so ein Trend wurde. Ein Punkt der Filmindustrie in den Neunzigern, die mir sehr wichtig ist, wird hier nur am Rande und durch die Nennung einiger großer Vertreter erwähnt. Nämlich der Trend vieler, teilweise auch angesehenen Regisseuren, sich von großen Studios zu trennen und mutige Projekte anzugehen. Oliver Stone mit Natural Born Killers wäre da zu nennen. Auch etwas, dass ohne Tarantinos Erfolg mit Pulp Fiction vermutlich niemals so groß geworden wäre. Davon abgesehen ist die Einleitung aber durchaus sehr informativ und sehr gekonnt geschrieben.

Darauf folgen dann die Filme von 1991-1996 oder anders gesagt von “Kap der Angst” bis zu “Mars Attacks!”. Im zweiten Band geht es dann Weiter mit “Romeo und Julia” bis hin zu “Amores Perro”, also 1996-2000. Darauf folgt dann eine Auflistung aller Oscars der Neunziger (für mich jetzt nicht gerade sooo wichtig) und abschließend ein Register, Autorenverzeichnis, Credits und Danksagungen. Bei den einzelnen Filmen bekommt ihr jeweils vier bis zehn Seiten, auf denen ihr unter anderem einen kurzen Text zum Film bekommt. Darin wird die Handlung kurz zusammengefasst und ein wenig darauf eingegangen was gerade den Film wichtig werden lies. Auch auf herausragende Schauspieler oder wichtige Auszeichnung wird hingewiesen. Hinzu kommen kleine Anekdoten oder herausragende Pressezitate zu den etwaigen Veröffentlichungen. Ebenfalls sind zu jedem Film Momentaufnahmen abgedruckt worden, die einen Eindruck der wichtigsten Kernszenen darstellen. Wie immer bei TASCHEN werden gerade diese Bildergalerien in hoher Qualität mit den größten Anreiz geben sich diesen dicken Brummer ins Haus zu holen. Hinzu kommen noch zu jedem Film Credits des Casts und der Crew, ein Glossar zu einem bestimmten Filmtechnischen Begriff oder zu einem der beteiligten Personen und unter Umständen eine Auflistung der gewonnen Oscars. Meine einzige Kritik zu den Texten wäre, dass es mir meist zu unkritisch war. Natürlich sind die meisten der Filme wirklich ausgezeichnete Werke, aber auch wenn zum Beispiel der Rasenmäher-Mann durchaus ein wichtiges Zeitdokument und vermutlich ein großer Sprung in Punkto CGI war, darf man trotzdem darauf eingehen wie unfassbar grottig das Teil geworden ist. Natürlich ist auch dies immer Subjektiv, aber spätestens wenn Star Wars Episode I zum perfekten Familienfilm ernannt wird, wird es etwas albern. Man kann ruhig auch einen Film abfeiern der vielleicht etwas hirnlos oder nicht sonderlich toll gemacht ist, man kann dann aber auch trotzdem darauf hinweisen, dass der Film viele Probleme hat ohne sich selbst zu sehr zu wieder sprechen. Ansonsten ist es teilweise etwas schade, wie oberflächlich die Texte gehalten sind. Zum Beispiel ist bei Fight Club kein Platz um die Buchvorlage zu erwähnen, Men in Blacks Comicherkunft findet auch keine Erwähnung und bei Filmen mit einer solch chaotischen Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte wie Natural Born Killers hätte man ruhig auch darauf ein wenig eingehen können. Leider fehlte dafür dann wohl auch der Platz und insgesamt wollte man wohl auch eher nur die wichtigsten und meist allgemeingültigsten Informationen und Meinungen transportieren. So bleiben diese Bände zwar für oberflächliche Fragen ein sehr gutes, darüber hinaus aber leider nur ein generisches Nachschlagewerk wenn es um die Filmlandschaft der Neunziger geht. Wer aber vor allem an den Bildern interessiert ist wird vollkommen zufrieden sein. Und als Wissensbasis sind die Bücher auch keinesfalls eine schlechte Wahl.

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