Samstag, 28. September 2013

Der Kartograph (Carlsen Manga)

Der Kartograph (Carlsen Manga)

Wir befinden uns am Anfang des 19. Jahrhunderts also in der Edo Periode Japans. Nach seiner Pensionierung suchte Inō Tadataka sich eine neue Beschäftigung. Seine ganz bescheidenes Vorhaben? Zu Fuß und ohne größere technische Mittel das gesamte Großjapan abzulaufen und durchs Zählen seiner Schritte zu vermessen und kartographisiert. Bis er vom Shogunat aber die Erlaubnis für seine Expedition bekommt, muss er sein können beweisen und so genießt er sein Leben in Edo und geht täglich mehrere Stunden spazieren. Immer wieder bleibt er stehen, genießt das Marktleben oder beobachtet die Natur. Er verliert sich währenddessen zwar immer mal wieder in Tagträumereien und sieht die Welt aus der Sicht von Tieren, die er vor allem deshalb anhimmelt, da sie einen immer gleichbleibenden Schritt haben, doch sein großes Ziel verliert er dabei nie aus den Augen.

1745 erblickte Tadataka das Licht der Welt und schon in jungen Jahren verdiente er sein Geld durchs handeln mit Reis und Sake Herstellung. Nachdem er dann das Alter der Pensionierung erreicht hatte war es Zeit für ein neues Hobby und eine große Aufgabe. Er zog zurück nach Edo, dem heutigen Tokyo und nahm das Studium beim 20 Jahre jüngeren Astronomen Takahashi Yoshitoki auf, unter dessen Aufsicht er Mathematik, Geographie und westliche Astronomie studierte. Nebenbei trainierte er mit jedem Schritt seine Fähigkeit immer genau 2 Shaku und 3 Sun zu gehen, also 70cm zu gehen.

1800 konnte er dann wirklich das Shogunat davon überzeugen ihn Hokkaidō vermessen zu lassen. Bis zu seinem Tod 1818 kartographisierte er weite Küstenabschnitte, große Teile Hokkaidōs und einige weitere Inseln. Dabei ging er beinahe 35.000 Kilometer ab und das ist nur die Strecke die verzeichnet wurde. Faszinierend ist dabei, wie unfassbar genau er war obwohl er nur im Kopf die Schritte mitzählte. Schließlich waren seine gesammelten Karten noch bis zum frühen 20. Jahrhundert die genauesten die man bekommen konnte.

Jetzt wo wir den historischen Teil hinter uns gebracht haben, kann ich endlich zum aktuell erschienenden Jiro Taniguchi Manga “Der Kartograph” kommen. Taniguchi hat sich diesen historisch wichtigen Mann genommen und kleine Episoden geschrieben, die seine Zeit als Spaziergänger darstellen. Dabei nutzt er bekannte Infos über den Kilometerzähler und kombiniert sie mit anderen historischen Hintergründen, Philosophie, Straßenkunst, Theaterstücken, Haikus und vielen anderen Kunstformen der damaligen Zeit. Ganz nebenbei zeigt der Mangaka uns die Sitten und den Alltag der Edo Periode. Wieder mal macht er somit etwas sehr faszinierendes aus dem Alltag und der eigentlich recht unspektakulären Tätigkeit des Spazieren.

Taniguchi Fans können sich also auf “Aruko Hito” im historischen Rahmen einstellen und wieder mal fand ich es sehr erhellend. Genauso wie “der spazierende Mann” füttert der Autor und Zeichner unser Gehirn mit spannenden Infos und lässt es gleichzeitig mal richtig schön entspannen. Wo seine anderen beiden Spaziermangas, “Aruko Hito” und “Der geheime Garten vom Nakano Broadway” das moderne Japan skizzieren und unsere Gedanken mit zeitgenössischer Philosophie anstubsen, bekommen wir hier Poesie von damals und hübsche Naturdarstellungen. Das Ergebnis ist so aufregend oder öde wie ihr es euch vorstellt. Wer die Idee dumm findet jemandem beim spazieren zu zusehen, wird vermutlich nicht so viel Freude daran haben wie ich. Wenn man sich aber darauf einlässt kann man eine wundervolle Zeit haben.

Ich muss ja wirklich sagen, dass ich mich über jeden neuen Manga von Taniguchi den ich in die Hände bekomme wahnsinnig freue. Bedeutet es gibt wieder etwas anregendes zu lesen, was mir das Gefühl gibt etwas sinnvolles mit meiner Zeit gemacht zu haben. Mag sich doof anhören, aber Jiros Arbeiten gehören zu den Kunstwerken, die mich nicht mehr los lassen und noch lange begleiten, dabei sehen wir nur jemand umherlatscht. Tadataka wird hier als einfacher und mit sich und der Welt äußerst zufriedener Mann dargestellt. Wo viele andere ihn zu der großen Legende hochstilisieren würden, zeigt Taniguchi einfach nur einen alten Mann der niemals aufhören wollte die Welt zu verstehen und alles dafür tat um sein Land mehr zu erschließen und greifbar zu machen. Cooler Typ und einfach interessant. In der Einfachheit seiner Lebensart und seines Lebenswerk, das er aber so unfasslich genau geführt hat steckt so viel Gefühl und Liebe für alles was er tut. Ich kann mich für solche simplen Sachen ja sehr begeistern.

Hinzu kommt viel Poesie, Kunst und Kultur. Allesamt Sachen über die ich gerne mehr erfahre, aber als Prolet der ich bin zu faul bin so was nachzulesen. Wenn dann aber jemand kommt und es mir als Manga unterjubelt arbeite ich mich gerne durch so was. Um die vielen kulturellen Eigenheiten zu erklären wurde in dieser Version von Carlsen noch ein umfassendes Glossar drangehängt, das viele Begriffe, Anspielungen auf alte Gedichte und Kunstwerke erklärt. Auch die Wortspielereien werden erläutert. Leider ist durch sprachliche Eigenheiten das Kapitel “Das Gewitter” ohne das Glossar nur schwer zu verstehen, da es sehr stark auf Wortspielen und bestimmte Schreibweisen ankommt. An sich hat die Geschichte keinen wirklichen Handlungsbogen, Konstanten sind nur die gezählten Schritte, gelegentliche Gespräche zwischen Inō und seiner Frau O-Ei und sein Ziel einmal den Auftrag zur Vermessung zu erlangen. Es geht also nicht um ein großes Ziel, sondern viel mehr darum, die kleinen Momente zu genießen und für die Ewigkeit festzuhalten.

Inhaltlich für mich bisher die interessanteste Taniguchi Episodensammlung, dafür aber optisch nicht ganz das Meisterwerk, das man von ihm erwarten würde. Im Vergleich zu der Massenware mit der man den Mangamarkt überflutet ganz klar eine meisterhafte Leistung. Im Vergleich zu der unendlichen Detaildichte in “Aruko Hito” nicht ganz so beeindruckend. Trotzdem kann man sich in den Naturbildern völlig verlieren. Gerade wenn sich der Protagonist in der Natur verliert bekommen wir ein paar sehr schöne Seiten. Die Sequenz mit der freigelassenen Schildkröte zum Beispiel wunderschön aus. Beeindruckend auch das Kapitel über den gestrandeten Wal oder der Traum aus der Sicht einer Libelle. Alles toll! Mittendrin sind noch Momente die vom Stil her an Manga alter Schule aus den 70ern erinnern. Sind aber immer nur 1-2 Panel, die dafür aber umso effektiver gesetzt wurden.

Bei jedem neuen Manga von Taniguchi habe ich großer Erwartungen an ihn, die er irgendwie immer erfüllen kann. Erwachsene Mangaleser und an Geschichte Interessierte sollten unbedingt mal reinschauen. Wer auf Action aus ist, wird hier nicht bedient, ist aber auch absolut beim falschen Mangaka gelandet. Was aber ganz klar kritisiert werden muss, ist die gespiegelte Leserichtung. Denn um den Manga als Graphic Novel vermarkten zu können, hat man den Inhalt mal wieder gespiegelt, da man es anscheinend keinem Snob zumuten kann Kunst aus einem anderen Land so zu konsumieren wie sie vom Künstler erschaffen wurde. Sehr schade und eigentlich ein Trend der fast vollkommen ausgestorben war und erst jetzt durch den GN Hype wiedergekommen ist. Schaut aber trotzdem rein der Inhalt hat es verdient.


8 von 10
Hirschkäfer treibend zerlegt
auf der Straße
der treuen Ameise

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