Montag, 2. September 2013

Shut Up, Little Man! - An Audio Misadventure (2011)

Shut Up, Little Man! - An Audio Misadventure (2011)

Als die beiden Punks Eddie Lee Sausage und Mitch D 1987 aus dem langweiligen Wisconsin ins große San Francisco fliehen, können sie noch nicht wissen, was sie in ihrem neuen Heim im sogenannten Pepto-Bismol Palace erwartet.
Von den ewigen, lauten Wortgefechten ihrer Nachbarn Peter und Ray eingeschüchtert, suchen sie eine Methode irgendetwas aus ihrer Situation zu machen und beginnen damit, die beiden Streithähne auf Kassette aufzunehmen. Bald schon erreichen die Tapes mit Peter und Raymonds verbalen Entgleisungen Kultstatus weit über die Grenzen San Franciscos hinaus und inspirieren so andere Künstler ihre Versionen der beiden streitsüchtigen Alkoholiker aufs Papier, die Theaterbühne oder die Leinwand zu bringen.



In den letzten Jahren sind immer häufiger Dokumentationen zu kleinen, subkulturellen Phänomenen aufgetaucht. Meistens geht es darum, dem jeweiligen Objekt der Doku Tribut zu zollen, mehr über die Hintergründe zu erfahren und letzten Endes einfach ein bisschen Spaß zu haben.
„Shut up, little man! – An Audio Misadventure“ beginnt daher wie die meisten dieser Dokus. Eddie und Mitch erzählen wie es dazu kam, die Streitereien ihrer Nachbarn auf Tapes zu bannen und sie im Freundeskreis zu verteilen, wie der Kultstatus wächst, immer mehr Leute darauf aufmerksam werden, usw. Dabei kommen auch immer wieder Fans und Künstler zu Wort wie Comic Artists Ivan Brunetti und Daniel Clowes (Ghost World) oder Mark Mothersbaugh von DEVO, die alle in irgendeiner Form zur Verbreitung von „Shut up, little man!“ in anderen Kunstformen beigetragen haben.

So weit, so spaßig. Doch nach und nach beginnt das Bild, das die ersten 30 Minuten der Doku zeichnen, zu bröckeln. In dem Moment, da sich plötzlich 3 verschiedene Parteien, um die Verfilmung des Stoffes bemühen und dabei regelrecht bekriegen wird  immer deutlicher, dass selbst die Alkohol geschwängerten Auseinandersetzungen zweier älterer Männer nicht davor sicher sind in irgendeiner Form einer Verwertungsmaschinerie verwurstet zu werden. Ab dem Moment da plötzlich Geld eine Rolle spielt, scheint alles aus dem Ruder zu laufen. Es wird mit schmutzigen Tricks gekämpft, sich gegenseitig beschuldigt und diffamiert. Mit einem Mal geht es um die Frage, wer eigentlich die Rechte am Ausgangsmaterial besitzt. Zu dem Zeitpunkt sind bereits einige Jahre ins Land gezogen und keiner der Beteiligen schien bislang auf die Idee gekommen zu sein, dass die Rechte vielleicht eigentlich bei Peter und Raymond selbst liegen könnten. Ein Gedanke, der in Zeiten in denen jeder alles auf diversen Plattformen hochladen kann,  jedes Foto oder Video sich rasend schnell verbreiten lässt und schnell mal zum Meme werden kann, gerne mal außer Acht gelassen wird. Immer wieder geraten dabei Kunst und Persönlichkeitsrechte aneinander und auch wenn es zu einigen Fällen Gerichtsurteile gibt ( zum Beispiel im aktuellen Urteil zum sogenannten „Techno Viking“ und dem Künstler Matthias Fritsch, siehe hier), eine endgültige Antwort wird es wohl schwer geben, da die Ausgangssituation immer eine andere ist .Letzten Endes muss sich jeder selbst die Frage stellen, wie er solche Situationen handhaben und bewerten will und dementsprechend handeln.

Im Falle von „Shut up, little Man!“ handeln Eddie Lee und Mitch indem z.B. Eddie sich in die Antwort flüchtet, dass Kunst ja provozieren soll und ihn „normale“ Kunst langweilt. Ob das als Rechtfertigung dafür reicht, mit allerlei Merchandise (unter anderem Kopien der Sterbeurkunden von Peter und Ray) Kohle zu machen, muss der Zuschauer für sich selbst entscheiden.
Mitch hingegen sucht Tony, einen Freund Peters und Rays, der auch hin und wieder auf den Aufnahmen vertreten ist, auf und kauft sich mit etwas Bargeld und einem Sixpack Bier ein kleines Interview mit Tony. Ebenso wie Peter in einem Interview von 1995 (also knapp ein Jahr vor dessen Tod) ist auch Tony außerstande zu verstehen, was das alles zu bedeuten hat und das alles eigentlich soll.
Das sind Momente in den man als Zuschauer einen Schritt zurück tritt und sich selbst und sein eigenes Verhalten in Bezug auf die Audioaufnahmen der Streithähne reflektiert. Und wieder gilt, dass jeder da selbst zu einem eigenen Ergebnis und Umgang kommen muss.
Was die Dokumentation aber darüber hinaus so sehenswert macht ist die Tatsache, dass Regisseur Matthew Bate und die Protagonisten recht offen auch eben diese schlechten Momente zeigen und (im Falle der Protagonisten) kommentieren. Das verleiht dem Ganzen einen Recht nüchternen Charme. Und auch wenn es die handelnden Personen nicht sympathischer macht (eher das Gegenteil ist der Fall) sorgt es aber auch für mehr Glaubwürdigkeit.
Wie nun bereits mehrfach erwähnt, bleibt jedem am Ende selbst überlassen, wie er das Gesehene werten will. Und genau dieser Punkt macht diese Doku für mich so besonders gut.

Bates hat verstanden was eine Dokumentation zu erreichen vermag, wenn man dem Publikum nicht eine vorgefertigte Meinung vor den Latz knallt und sie nur noch mit den nötigen Fakten anreichert, um diese Meinung zu unterstreichen und vor sich selbst und anderen zu legitimieren.
„Shut up, little Man!“ ist eine Doku, die es schafft mehr zu sein, als eine Hommage an das subkulturelle Gut, das ihr Gegenstand ist. Denn auch wenn es hier um scheinbar ganz banale, kleine Dinge geht, hinterlässt der Film doch einen bleibenden Eindruck, den ich persönlich zu Beginn nicht erwartet hätte. Die Doku schafft es gleichermaßen sehr witzig zu sein, im späteren Verlauf aber auch verstärkt zum Nachdenken anzuregen.
Wirklich ganz großes Dokumentarkino und wenn man Interesse an solchen Absurditäten hat, ist der Film eine ganz klare Empfehlung meinerseits.

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